Galerie Forum
Lindenthal
Farbklangtafeln
Wenngleich sich Silke Blomeyers abstrakt-expressive Oelfarbenmalerei vorwiegend
auf kleinen Leinwandformaten entfaltet, bergen die wenig über eine ruhige
Quadratform
hinaufstrebenden Bildtafeln imaginär auch größere Dimensionen in sich.
Aus der
Distanz gesehen, erkennen wir im belebenden Hell-Dunkel-Kontrast zunächst
leuchtende
Konstellationen von horizontal verlaufenden Farbstreifen oder kompositionell
ausgeglichenen quadratischen und rechteckigen Farbfeldern. Doch die kleinformatigen
Gemälde verlocken zum Nähertreten- und schon offenbart sich dem Auge
des Betrachters
der ganze, über eine geometrische Farbfeldordnung weit hinausreichende Reichtum
einer Malkunst, die nicht allein die emotionale Wahrnehmung der Grundformeln
Form und Farbe anspricht, sondern ein seltenes Beispiel vielschichtiger und empfindsamer
Malerei vermittelt. Denn wir sehen keine formenreine "Hard-edge"-Malerei.
Die Staffelungen der farbigen Streifen und Farbfeldquadrate zerfließen wie aquarelliert
an ihren Rändern, sie erzeugen weiche, grenzüberschreitende Verbindungen
miteinander
und fördern die Aesthetik farblicher und struktureller Ein- und Zusammenklänge. Farbtöne
als "Klänge" emotionaler Stimmungen, wie sie schon Wassily Kandinski
in seinen Bildern malte, evozieren auch in Silke Blomeyers Gemälden ein
gestalterisches Streben nach belebter und zugleich kontrapunktischer Harmonie.
So bindet sich
selbst ein hell leuchtendes Rot oder ein Gelborange in das farbliche Konzept
ein, was die Künstlerin vor allem durch sensible Zumessung und Ausgewogenheit
der farbigen Helligkeitswerte bewirkt. Denn gleichsam wie Musik vereinen
sich die unterschiedlichen farblichen Tonlagen chromatisch zu einer konzertierten
Aktion zart oder heftig anklingender Halbtöne, die uns Silke Blomeyers Farbe-Form-Kompositionen
aus vielerlei Haupt- und Nebenklängen sinnlich umfassend erleben lassen.
In pastosen, fast reliefartigen Schichtungen des Farbmaterials erreicht die Malerin
durch mehrere, nicht deckende Farblagen und strukturierende Übermalungen
mit hellen oder dunklen Farben sowohl eine expressive Farbmischung durch Transparenz
als auch jene sanfte, an gewebte Textur erinnernde Materialität ihrer Malerei.
Farblich darunterliegendes- gewissermaßen die Grund- und Zwischentöne
- tritt schimmern zutage und färbt das farblich Darübergelegte wie
ein Accompagnement mit ein. Das hat zur Folge, daß in den jeweiligen geometrischen
Farbfeldern nicht nur eine einzige Farbe bestimmend ist, vielmehr eine vibrierende
Farbigkeit das Auge einstimmt. Zudem tragen Größe und Form des Farbfeldes
sowie seine farbliche Konstellation zu den Nachbarfarben über die Wirkung
des Komplementär- oder Simultankontrastes erheblich zur jeweiligen Klangfarbe
und zur kompositionellen Gesamtwirkung mit bei. In den grob strukturierten Farblasuren,
pastos mit waagrecht oder senkrecht geführten Pinselstrichen aufgetragen,
bricht sich das Licht und reizt die vielschichtige Farbfeldmalerei hier zu heller
und leuchtender, dort zu matter und sonorer Reflektion. Unter den brüchigen
und durchlässigen Übermalungen schimmern verborgen gehaltene und wie
glosende Glut leuchtende Farbschichtungen hervor. Manchmal überdecken die
dunklen die hellen, dann wieder helle, ja weiß strahlende Farbtöne sowohl
die leuchtenden als auch die dunklen Farblagen. So entwickeln die Farbflächen
eine magische Transparenz und emotionale Tiefe der farbmateriellen Textur. Eine
enge gestalterische Verwobenheit von Farbe, Form und Struktur ist erreicht.
Geometrische Ordnung und farbig-malerische Emotion, Flächenkomposition und
imaginäre Farbtiefe halten sich die Waage. Obwohl es sich um kleine Bildtafeln
handelt, entwickeln Silke Blomeyers Gemälde auf der Wand, zum Raum
und zum Betrachter eine stark ausstrahlende und emotional beeindruckende ästhetische
Wirkung. Ihre Farbklangtafeln lösen bei aller Unterschiedlichkeit der Bildstimmungen-
ob heiterer oder ernster, ob Moll oder Dur - grundsätzlich positive Empfindungen
aus und bedürfen daher keiner beschreibender Titel. Zurückkommend auf
meine erste Beobachtung aus der Ferne, läßt sich nach erfolgter näherer
Betrachtung sagen, daß die ästhetische und sinnlich wahrnehmbare Spannung
der jeweiligen malerischen Komposition ganz der gewählten Formatgröße
entspricht. Größe ist bekanntlich nichts Absolutes, und der Geist und Sinn
einer Sache- auch der einer Malerei- ist letztendlich von höherer Bedeutung
als die physikalische Dimension.
Dr. Gerhard Kolberg |